Neuer Beifahrer Blockchain

Selten hat sich eine Branche so schnell auf eine neue Technologie gestürzt wie die Autoindustrie auf die Blockchain (Renault)

Neuer Beifahrer Blockchain (Renault)

Selten hat sich eine Branche so schnell auf eine neue Technologie gestürzt wie die Autoindustrie auf die Blockchain. Aktuell stehen bei den Herstellern etliche Szenarien auf dem Prüfstand.

Zuerst schlug die vor allem durch Kryptowährungen bekannt gewordene Blockchain-Technologie im Finanzsektor ein. Doch hier blieb die Begeisterung verhalten. Ganz anders sieht das in der Autoindustrie aus. „Die Blockchain-Technologie bietet das Potenzial, vertrauensbildende Intermediäre zu ersetzen und Geschäftsprozesse zu automatisieren, beispielsweise den Zahlungsverkehr in Echtzeit oder Micropayments praktisch ohne Transaktionsgebühr abzuwickeln“, erklärt Mario Daberkow, der als Mitglied des Vorstands der Volkswagen Financial Services AG für Informationstechnologie (IT) und Prozesse verantwortlich zeichnet. Am sinnvollsten sei es, Prozesse mit vielen Beteiligten zu vereinfachen. Deshalb schaue man sich intensiv das Thema Laden von Elektrofahrzeugen an. Viele Besitzer von Ladestationen und viele Nutzer sowie der Anbieter einer universellen Ladekarte machen dieses Umfeld attraktiv für die Blockchain. Doch beim Aufspüren von Szenarien muss differenziert werden. „In Bereichen, in denen eine zentrale Stelle einer Datenablage ausreicht und ein hohes Vertrauen an einen Treuhänder der Daten und Prozesse vorhanden ist, wird der Kostennachteil der Blockchain nicht durch die Eliminierung von Intermediären zu kompensieren sein“, warnt Daberkow.

Wie wichtig das Thema in der Branche genommen wird, zeigt auch die im Mai gegründete Mobility Open Blockchain Initiative (Mobi) – ein Konsortium, dem unter anderen BMW, GM, Ford und Renault beigetreten sind. Blockchain-Enthusiasten hoffen darauf, dass die Automobilindustrie die Technologie angesichts einer immer noch fehlenden Killer-App endlich in der Breite etabliert, schreibt das Cryptocurrency-Portal Cointelegraph. „Im Mobi-Projekt spiegelt sich, dass OEMs und Zulieferer verstanden haben, dass der größte Nutzen der Blockchain entsteht, wenn man sich zusammentut und gemeinsam ein Ökosystem aufbaut“, sagt Björn Obermeier, der bei Accenture den Bereich Blockchain leitet. Das Beratungsunternehmen gehört der neuen Initiative als Gründungsmitglied an und bringt dabei Erfahrung aus anderen Konsortien mit. „Alle sollten sich auf gemeinsame Prozesse einigen, das ist oft schwierig, da ist Agnostizität wichtig“, meint Obermeier. So könnten Ökosysteme ganz anders funktionieren, wenn ein OEM seine Supplier aller Ebenen in die Blockchain einbezieht, jeder genau in Echtzeit auf Basis unveränderbarer Datensätze weiß, wo sich welche Gegenstände mit welchem Wert befinden. „Mit Blockchain statt mit traditionellen Konzepten kann zum Beispiel eine Maschine eine eigene Identität haben und Geld annehmen oder ausgeben, um Ersatzteile zu ordern“, erläutert Björn Obermeier. Bei einer Blockchain könne sozusagen jeder mitmachen: B2B, B2C oder IoT.

Das Austarieren der Möglichkeiten, die die Kryptowährungen für Unternehmen bieten, steht derzeit noch am Anfang. Gut möglich, dass sich in diesem Bereich noch einiges tun wird. „Es ist mit Blockchain-Technologie für einen OEM möglich, eine eigene Währung für sein Ökosystem zu erstellen. Da gäbe es viele Effizienzen, wenn der Wechsel zwischen Währungen und Cross Border Fees in einem weltweit vernetzten Produktions- und Vertriebssystem wegfallen“, erläutert Obermeier. Dabei müsse aber unter anderem die dezentrale Ausschüttung und Verteilung der Währung gewährleistet sein, damit keine Entwertung möglich wird. Schwierig ist auch die Bezifferung einer solchen Währung. „Es wird noch diskutiert, ob ein Kryptowert in den Bilanzen betrachtet werden muss und zu welchem Wert. Das ist eine schwierige Frage, die beantwortet werden muss“, erklärt der Accenture-Experte. Durch die Wahl von Fiat-Geld als Grundlage umgehe man zwar viele offene Fragen, verzichte aber auch auf einige der Effizienzen einer Kryptowährung. „Bisher gab es in einigen Proofs of Concept den Ansatz zu einer eigenen Währung, aber die meisten Unternehmen sind davon weggegangen, weil man nicht sicherstellen kann, dass die Ausschüttung fair ist und die Steuerproblematik im Griff“, sagt Björn Obermeier.

Eine der größten Herausforderungen, der sich nicht nur die Automobilunternehmen stellen müssen, liegt in der relativen Unreife der Technologie. Noch können sich sehr unterschiedliche Entwicklungen ausprägen, deshalb bleibt die Frage vorerst offen, auf welche Systeme man seine Karten setzen sollte. Aus diesem Grund verfolgen Unternehmen, die sich das leisten können, die Strategie, viele technologische Ansätze zu probieren und zu evaluieren. „Die Technologie entwickelt sich rasend schnell. Sie hat das Potenzial, die Digitalisierung durch neue Produkte enorm zu beschleunigen und Transaktionskosten zu reduzieren. Die Distributed-Ledger-Technologie könnte sogar ganze Geschäftsmodelle signifikant verändern“, sagt VW-Mann Mario Daberkow. Bis 2020 soll es Expertenschätzungen zufolge weltweit rund 250 Millionen vernetzte Fahrzeuge geben. Der Markt für Fahrzeuge, für die sogenannte Micropayments interessant sind, wächst beständig. Die Minibezahltransaktionen werden künftig zum Beispiel für die so genannten „functions on demand“ im Auto eine bedeutende Rolle spielen, ist sich Daberkow sicher. Dies sei ein großes Geschäftsfeld, das Volkswagen Finanzdienstleistungen für den gesamten Konzern erschließen will. Man erforsche und erprobe derzeit im Rahmen von Piloten und Prototypen vieles im Umfeld von Mobilitätsprodukten, um auf dieser Basis Mobilitätslösungen für die Zukunft zu entwickeln. Aus technologischer Sicht stecke die Distributed-Ledger-Technologie teilweise noch in den Kinderschuhen: Hinsichtlich der Skalierbarkeit, der Transaktionsgeschwindigkeit, des Energiebedarfs und der fehlenden Standards gelte es noch einiges zu optimieren. „Gerade deshalb ist bei neuen Produkten, die auf dieser Technologie aufbauen, die Wirtschaftlichkeit vorab nur schwer nachweisbar“, meint der Vorstand der Volkswagen Financial Services AG. Doch die Unsicherheit ist nicht nur rein technologischer Natur. „Vielfach müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen erst geschaffen werden.“

“Ein geleastes Auto wird alle über Smart Contracts vertraglich festgelegten Transaktionen selbst verwalten. So wird das Auto seinen Service automatisiert einstellen, sollten monatliche Leasingzahlungen nicht erbracht werden.” Ginkgo Management Consulting

Für Autobanken wäre interessant, wenn Autos mit der Blockchain arbeiten könnten. „Dann hätten beide Parteien eine höhere Transparenz über den Wert, der zum Beispiel beinhaltet, wie oft ein Auto repariert wurde, von einer auf der Blockchain zertifizierten Werkstatt mit zertifizierten Teilen“, nennt Björn Obermeier ein Beispiel. Auch im Fahrzeugleasing könnte die Blockchain nach Ansicht des Beratungsunternehmens Ginkgo Management Consulting künftig eine Rolle spielen. „Ein geleastes Auto wird alle über Smart Contracts vertraglich festgelegten Transaktionen selbst verwalten. So wird das Auto seinen Service automatisiert einstellen, sollten monatliche Leasingzahlungen nicht erbracht werden“, schreiben die Berater in einem White Paper. Zugleich lässt sich auf diese Weise auch sicherstellen, dass zum Beispiel Reparaturen nur in ausgewählten Werkstätten vorgenommen werden. Eine der größten Veränderungen sieht Volker Liedtke, Berater und Interimsmanager für Automotive Marketing, im Geschäftsmodell „Kunde kauft Auto von OEM“. „Der Kunde könnte durch die Abwicklung des Kaufs über eine Blockchain-basierte Technologie direkt mit dem OEM kontrahieren, ohne die Notwendigkeit einer Bank.“ Das sei für alle Transaktionen interessant, die nicht über Autobanken laufen. Für die bestehenden Systeme rund um Finance und die Wertschöpfungskette hat die Blockchain unmittelbar Folgen: Wie viel Aufwand bedeutet es zum Beispiel, bestehende ERP- und Supply-Chain-Systeme anzupassen? „Das ist die Hundertausend-Dollar-Frage“, sagt Björn Obermeier. Für Unternehmen sei Blockchain etwas, das komplementär zu existierenden Prozessen eingesetzt wird. Die Technologie werde die Funktionalität von ERP-Systemen erweitern und in die Systeme integriert werden – allerdings warten dabei einige Herausforderungen. „Die Anbieter haben eigene Integrationsteams, es ist allen bewusst, dass die Kunden das wollen“, so der Experte. Zu den Problemen gehören personenbezogene Daten, die laut DSGVO dem Recht auf Vergessen unterliegen müssen – und das bietet die Blockchain je nach Standpunkt nicht. Die Diskussion darüber, ob die Blockchain die Datenschutzgrundverordnung unterläuft oder ob sich mit ihrer Hilfe Compliance sogar besser umsetzen lässt, ist noch in vollem Gange. In den nächsten zwei bis drei Jahren aber wird die Interoperabilität zwischen ERP- und BC-Plattformen immer mehr Fuß fassen.

Immer wieder hört man das Argument, die Blockchain sei zu energieintensiv. Allerdings bezieht sich dieses Problem vor allem auf die Bitcoin-Währung. Experten in den Unternehmen sind überzeugt, dass es Lösungen gibt, mit denen man dieses Problem im Griff haben kann. Auch Björn Obermeier sieht das Ressourcenproblem im Automobilumfeld eher nicht. „Es gibt genügend weniger ressourcenintensive Permissioned-Consensus-Mechanismen, um zu einer gemeinsamen Wahrheit zu kommen“, so der Experte. In diesen Konsens-Mechanismen nehmen nur ausgewählte Partner an der Blockchain teil. Bei Permissionless-Konzepten hingegen kann jeder mitmachen. Folge: Der Rechenbedarf steigt.

 erschienen am 22.06.2018 automotiveIT Ausgabe 6-7/2018

Good to know
Die Blockchain bekommt Räder

  • Daimler Financial Services übernahm PayCash Europe, um E-Money und kryptowährungsbasierte Services wie Mercedes Pay auf die Beine zu stellen. Zudem ist die Daimler AG dem Hyperledger Project der Linux Foundation beigetreten.
  • ZF Friedrichshafen tat sich mit der UBS-Bank und Innogy zusammen, um die Blockchain-basierte Car-eWallet-Lösung zu entwickeln – sie macht Onlinezahlungen mit einer digitalen Brieftasche ermöglicht.
  • BMW hat sich mit der Blockchain-basierten Supply- Chain-Plattform VeChain zusammengetan. Die Token-Währung VeChain Thor wurde auf einer koreanischen Handelsplattform platziert.
  • Nachdem Bosch im Dezember eine Partnerschaft mit dem Berliner Startup Iota eingegangen war, folgte Volkswagen im Februar. Beide wollen die Tangle-Technologie von Iota nutzen, die schneller und skalierbarer ist als andere Blockchain-Ansätze.
  • Sportwagenbauer Porsche arbeitet gemeinsam mit dem Startup Xain an verschiedenen Einsatzgebieten der Blockchain, unter anderem im Fahrzeug selbst. Mithilfe eines verteilten Protokolls für Datentransaktionen soll beispielsweise das Ver- und Entriegeln des Fahrzeugs sicherer werden.

Audi fährt auf Blockchain ab.
Fahrzeugauslieferung per Batavia abgewickelt

Auch in Ingolstadt bleiben die Vorzüge der Blockchain-Technologie nicht verborgen: Audi hat erst kürzlich gemeinsam mit der Commerzbank eine Pilottransaktion auf Basis der Finanzplattform Batavia durchgeführt. Konkret wurden mehrere Fahrzeuge an einen kanarischen Importeur geliefert und über die Blockchain-basierte Plattform abgewickelt. „Dieser Erfolg hat uns erneut gezeigt, welches große Potenzial in dieser innovativen Anwendung steckt. Wir haben wichtige Erfahrungen gesammelt, um unsere Kompetenz auf diesem Feld stetig zu vertiefen, und werden diese Technologie für weitere Anwendungsfälle in unserem Distributionsprozess erproben“, sagt Alexander Dietlmeier, Head of Group Treasury bei Audi. Batavia wurde von einem Bankenkonsortium aus fünf Finanzhäusern ins Leben gerufen und beruht auf IBMs Open-Source-Blockchain-Plattform.

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Volker Liedtke

Über Volker Liedtke

Volker Liedtke ist Interims-Manager und Berater für Digital Marketing. Bei Porsche beschleunigte er die Digitale Transformation der Unternehmenskommunikation. Bei Daimler verantwortete er den Aufbau des Mobile Marketing. Bei Audi relaunchte er das globale Markenportal www.audi.de. Bei GM/Opel entwickelte er die Cross Channel Strategie. Als Experte für Automotive Marketing ist er spezialisiert auf Digitale Transformation im Kommunikationsbereich. Mehr...